T-Gelenktriebwagen

1. Serie der Avenio Triebwagen

Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) wollte aufgrund der großen Nachfrage ihr Angebot bei der Trambahn erweitern. Dafür benötigt sie zunächst sechs weitere Züge (inkl. Reserve). Weitere zwei Züge waren dann 2015 für die geplante Verlängerung des Netzes zum S-Bahnhof Berg am Laim (Tram Steinhausen) erforderlich. Die insgesamt acht Straßenbahnen bestellten die Stadtwerke München (SWM) bei der Siemens AG. Es handelte sich dabei um Züge vom neuen Typ Avenio. Siemens hatte eine Fertigung von zumindest sechs Fahrzeugen binnen Jahresfrist zugesagt, die damit rechtzeitig zur Zulassung und dann zum Einsatz ab Fahrplanwechsel Ende 2013 zur Verfügung stehen sollten. Tatsächlich wurde am 04. November 2013 der erste Wagen geliefert. Die Zulassung konnte jedoch nicht rechtzeitig zum Fahrplanwechsel erfolgen. Aus diesem Grund musste die MVG ein Fahrplankonzept entwickeln, welches den sukzessiven Avenio-Einsatz mit Fahrplanverbesserung kombinierte.
So werden die neuen Avenio-Züge voraussichtlich aussehen. Mittels Farbmontage auf MVG-Design abgestimmt. (Bild: ergon3)


Gebaut wurden die Avenio in Wien. Das Investitionsvolumen für die 8 neuen Züge betrug rund 29 Millionen Euro. Die Fahrzeugbeschaffung wurde durch den Freistaat Bayern gefördert. Der so geschaffene Fahrzeugpool sollte überall dort eingesetzt werden, wo eine besonders hohe Kapazität erforderlich ist. Das sind aus heutiger Sicht vor allem die Linien 17, 19, 20, 21 und 22.

Der Avenio ist eine Neuentwicklung von Siemens; er wird in München erstmals in Deutschland zum Einsatz kommen. Vorläufer dieses Fahrzeugtyps haben sich bereits in Budapest und Lissabon bewährt. Zudem entspricht die Grundkonzeption des vierteiligen Fahrzeugs ziemlich exakt dem Typ R3.3, der bei der MVG bereits seit dem Jahr 2000 zuverlässig im Einsatz ist. Daher besteht nach den schwierigen Erfahrungen mit der Variobahn die Hoffnung auf einen raschen und erfolgreichen Betriebseinsatz.


Wagen 2801, 04.11.2013, Betriebshof Einsteinstraße; Foto: SWM/MVG
Wagen 2801 am 04.11.2013 im Betriebshof Einsteinstraße. (Foto: SWM/MVG)
Zunächst erhielten die Fahrzeuge eine bis zum 31.08.2015 befristete Betriebsgenehmigung, welche die Regierung von Oberbayern zunächst nicht verlängerte, da die MVG entscheidende Unterlagen nicht rechtzeitig vorgelegt habe. Am 11. August 2015 verständigte man sich dann über die weiteren Schritte zur Abarbeitung der noch offenen Punkte für die Zulassung der „Avenio“-Trambahnen. Danach verlängerte die Regierung die vorläufige Betriebserlaubnis bis zum 30. September 2015. Am 30.09.2015 wurden die Avenio-Trambahnen von der Technische Aufsichtsbehörde (TAB) bei der Regierung von Oberbayern dann unbefristet zugelassen.
Das Konzept des Avenio baut grundsätzlich auf dem bewährten R3.3 auf, der schon seit 2000 seinen Dienst versieht.
   Wie der R3.3 besteht der Avenio aus vier Wagenteilen, jedes Wagenteil hat mittig ein eigenes Fahrwerk.
   Neu ist die nochmals erhöhte Zahl auf acht Türen (R3.3 und Variobahn: 6). Gerade auf den besonders hoch ausgelasteten Streckenabschnitten ist so ein schneller Fahrgastwechsel möglich. Dadurch verbessert sich auch die Pünktlichkeit weiter.
   Die Züge speisen - wie bereits ihre Vorgänger - beim Bremsen einen Teil der Energie zurück ins Netz.
   Laut Siemens ist die Konstruktion besonders wartungsfreundlich. 90 Prozent des Fahrzeugs sind recyclingfähig.

Ausstattung:
   Die Avenio-Züge sind wie alle modernen Fahrzeuge niederflurig. Die Passagiere können also stufenlos ein- und aussteigen. In den vier Fahrwerksbereichen, die wegen des Platzbedarfs der Räder erhöht sind, konnten 24 vollwertige Sitzplätze geschaffen werden, die vom Gang aus über eine einzelne, seitliche Stufe zu erreichen sind.
   Die Münchner Züge (Typ T1.6) haben 216 Plätze, 147 Stehplätze und 69 Sitzplätze; ein fast identisches Platzangebot wie die Typen R 3.3 und S 1.4/5. Während sich auf der linken Fahrzeugseite immer zwei Sitze nebeneinander befinden, gibt es rechts extra breite Einzelsitze. So wird der vorhandene Raum optimal ausgenutzt.
   Fünf von acht Eingangsbereichen wurden mit weniger Sitzplätzen ausgestattet. Sie dienen als Multifunktionsbereiche, die einen raschen Fahrgastwechsel an den Haltestellen unterstützen und auch ausreichend Platz etwa für Kinderwagen und Rollstühle bieten.
   Inzwischen Standard ist der Hublift für Rollstuhlfahrer an der ersten Tür.
   Der Fahrgastraum ist wie bereits bei der Variobahn klimatisiert: Ein Heizungs- und Lüftungssystem sorgt zu jeder Jahreszeit für gutes Klima.
   Der Fahrgastraum wird als Sicherheitsmaßnahme mit zehn Kameras videoüberwacht. Jeder Zug verfügt über vier Monitor-Einheiten, die die nächsten Haltestellen und Umsteigemöglichkeiten anzeigen. Zwei Automaten mit erweitertem Angebot geben Tickets aus.
   Die Haltestangen entlang der Sitzreihen zum Gang erhielten im unteren Bereich einen Anstrich mit Kontrastfarbe. Auf diese Weise entsteht ein „gelbes Band" durch den kompletten Zug. Es verbessert somit die Orientierung für Sehbehinderte.

Die farbliche Gestaltung orientiert sich am modernisierten R2.2 sowie an der Variobahn. Kennzeichen ist außerdem ein stimmiges Design mit klarer Linienführung innen und außen. Der schnittige Fahrzeugkopf ist im unteren Bereich weit vorgezogen; darunter verbergen sich die nach den neuesten EU-Normen vorgeschriebenen Crash-Elemente.
   Der Avenio verfügt über große Panoramafenster, die auch stehenden Fahrgästen einen guten Blick nach draußen ermöglichen. Zudem war es möglich, die Rückwand des Fahrerstandes durch eine geschickte Anordnung notwendiger technischer Ausrüstungen im oberen Bereich auf ganzer Breite durchsichtig zu gestalten, was den Fahrgästen den Blick nach vorne ermöglicht und damit die transparente Gestaltung des Innenraums verstärkt.
   Sämtliche Sitzplätze sind gepolstert sowie ergonomisch geformt und bieten damit guten Sitzkomfort.
Die Innen- und Deckenverkleidung ist in Grautönen gehalten. Ein „Lichtband" über dem Gang sorgt für eine optimale Ausleuchtung

Nachrüstung mit mechanischer Glocke

Die fehlende Glocke war einer der wenigen Kritikpunkte bei den acht Avenio-Wagen, denn erstmals wurde auch in München auf eine mechanische Warnglocke verzichtet und stattdessen ein ‘Soundfile’ per Lautsprecher abgespielt. Viele störten sich an dem künstlichen Ton und empfanden den Signaltongeber als schlechter hörbar. Auf diese Kritik, insbesondere seitens des Fahrpersonals, reagierte die MVG. Die Verkehrsbetriebe in Berlin (Flexity Berlin) und Freiburg (CAF) waren zuvor schon diesen Schritt gegangen. Die ‘ Original Glocke ‘ ist auch bei dichtem Verkehr und Nebengeräuschen weithin zu hören. Bei Avenio 2807 ertönt seit 12. März 2016 ein echtes 'Bim'. Bei dem Wagen wurde eine mechanische Glocke nachgerüstet. Alle weiteren sieben Fahrzeuge folgen.
2. Serie der Avenio Triebwagen

Am 15.09.2015 bestellten SWM/MVG 22 neue Trambahnen. Nach Abschluss des europaweiten Ausschreibungsverfahrens ging der Auftrag für neue Trambahnzüge an Siemens. Mit einem allen Bietern vorher bekannten Bewertungssystem wurden Preise, technische Kriterien und Vertragsbedingungen bewertet. Auch die Optionen für bis zu 124 weitere Züge soll an Siemens gehen. Der Münchner Konzern erreichte mit seinem Angebot im Bewertungsverfahren die höchste Punktzahl. Nach Ablauf der gesetzlich vorgeschriebenen Frist von zehn Tagen, in der unterlegene Anbieter die Entscheidung prüfen und ggf. Einspruch einlegen konnten, erteilten SWM/MVG Siemens am 01.10.2015 offiziell den Auftrag.
Dr. Florian Bieberbach, Vorsitzender der SWM Geschäftsführung, und Herbert König, SWM Geschäftsführer Verkehr und MVG-Chef, überreichten die Bestellung im Straßenbahn-Betriebshof an der Einsteinstraße an Sandra Gott-Karlbauer, Fahrzeugchefin für den Nahverkehr bei Siemens, und Christoph Klaes, Leiter des Siemens-Straßenbahngeschäfts. Übergabe der Bestellung am 01.10.2015 im Betriebshof;
Dr. Florian Bieberbach, Vorsitzender der SWM Geschäftsführung, und Herbert König, MVG-Chef, Sandra Gott-Karlbauer, Fahrzeugchefin für den Nahverkehr bei Siemens, und Christoph Klaes, Leiter des Siemens-Straßenbahngeschäfts.
(Foto: SWM/MVG)
Übergabe der Bestellung weiterer 22 Avenio am 01.10.2015 mit Wagen 2804 im Betriebshof (Foto: SWM/MVG)
Insgesamt wurden zunächst 22 neue Züge vom Siemens-Typ Avenio bestellt und zwar je 9 zweiteilige und 9 dreiteilige sowie 4 vierteilige Züge. Je ein zwei- und ein dreiteiliger Zug werden dann werktags zu 9 so genannten Doppeltraktionszügen gekoppelt – mit rund 48 Metern die längsten bisher in München eingesetzten Trambahnen. Sie bieten dann insgesamt rund 260 Plätze und sollen auf den Linien 20/21 eingesetzt werden. Die dadurch frei werdenden Großraumzüge mit ca. 220 Plätzen der Typen R 3.3 oder Variobahn werden dann zusammen mit den 4 neuen vierteiligen Avenios (die in ihrer Länge und Kapazität den schon vorhandenen 8 Avenios entsprechen) genutzt, um auf den Linien mit dem höchsten Fahrgastzuwachs eingesetzt zu werden: Linien 16 (Romanplatz – St. Emmeram) und 17 (Amalienburgstraße – Schwanseestraße). Im Gegenzug werden 13 kleinere Züge des ältesten Niederflurtyps Typ R 2.2 nach Einsatzbeginn der neuen Züge ausgemustert bzw. dienen dann als Ersatzteilspender für die noch verbleibenden 55 R 2.2. Damit werden 13 ältere Züge mit insgesamt 2028 Plätzen durch 22 neue Züge mit insgesamt 3208 Plätzen ersetzt. Somit kann das Platzangebot im Bestandsnetz um mehr als 1.000 Plätze erhöht werden.

Bestandteil der Ausschreibung und der Angebote sind auch drei Optionslose mit insgesamt bis zu 124 Einheiten (ergibt bis zu 106 Züge, sofern weitere Doppeltraktionen gebildet werden). Sie enthalten optional zweiteilige, dreiteilige, vierteilige und fünfteilige Züge, die in den Jahren 2018 bis 2028 geliefert werden sollen. Dadurch können in den kommenden Jahren bis weit ins nächste Jahrzehnt hinaus bedarfsgerecht neue Fahrzeuge abrufen werden. Bei der Kalkulation der Lose wurde der künftigen Ersatzbedarf (für die verbleibenden 55 R 2.2), künftige Verdichtungen im Bestandsnetz wie auch der etwaige Zusatzbedarf für Westtangente und Nordtangente einkalkuliert. Letztgenannte Züge können bestellt werden, sobald es grünes Licht für diese Neubaustrecken gibt. Mit diesen Bestellung und den Optionen kann der Wagenpark im Laufe der Jahre stark vereinheitlichen werden, was auch wirtschaftliche Vorteile, z. B. bei der Ersatzteilbevorratung haben wird.Das Auftragsvolumen für die 22 Züge liegt einschließlich diverser Reserve- und Beistellteile wie z. B. Fahrkartenautomaten bei rund 70 Millionen Euro. Mit den Doppeltraktionen wird der Wagenpark flexibler: So kann etwa in Ferienzeiten mit kürzeren Zügen gefahren werden, was Energie spart. Doppel- oder Mehrfachtraktionen haben sich aus diesen Gründen bereits in vielen deutschen Straßenbahnbetrieben bewährt. Das Gesamtvolumen der Optionslose beträgt bis zu rund 300 Millionen Euro. Siemens hat einen Lieferbeginn der neuen Avenios Mitte 2017 zugesagt.
In kurzen Abständen wurden seit 21.12.2017 bis in das Frühjahr 2018 neue Straßenbahnen angeliefert. Am 28.03.2018 empfing die MVG (Münchner Verkehrsgesellschaft) dann die erste Doppel-Tram vom Typ Avenio. Das Gespann – ein zweiteiliges Fahrzeug mit der Wagennummer 2701 und ein dreiteiliges Fahrzeug mit der Wagennummer 2751 – kam auf zwei Tiefladern aus dem Prüf- und Validationscenter des Herstellers Siemens in Wegberg-Wildenrath (Nordrhein-Westfalen). Dort absolvierten sie zunächst ein umfangreiches Testprogramm. Zwei- und Dreiteiler bilden künftig Doppeltraktionszüge. Sie bieten rund 260 Fahrgästen Platz, ca. 40 mehr als die bisher größten Trambahnen. Eingesetzt werden sie zunächst auf der nachfragestarken Strecke in der Dachauer Straße auf der Linie 20.


Avenio-Doppeltraktion mit dem Zweiteiler 2701 (Typ T2.7) und dem Dreiteiler 2751 (Typ T3.7); Foto: SWM/MVG
Von außen betrachtet unterscheiden sich die vier bereits gelieferten Vierteiler vom Typ T4.7 nur gering von den acht älteren T1.6-Fahrzeugen. Letztere 1. Serie aus den Jahren 2013/14 war weitgehend als Standardprodukt des Herstellers bestellt worden, um den damaligen Fahrzeugbedarf schnell abdecken zu können. Die 2. Serie wurde in einigen Bereichen verändert, um in den kommenden Jahren den Anforderungen des Münchner Betriebs optimal gerecht zu werden. Die Vierteiler durchlaufen derzeit in München den notwendigen Inbetriebsetzungs- und Zulassungsprozess, der in enger Abstimmung mit der Technischen Aufsichtsbehörde (TAB) erfolgt. Die neuen Straßenbahnen sollen im Laufe des Jahres in Betrieb genommen werden.

Derzeit läuft eine Überarbeitung der aktuellen Fahrzeugstrategie. Nach deren Abschluss sollen weitere Avenio bei Siemens aus der umfangreichen Option bestellt werden. Auch eine fünfteilige Variante soll mittelfristig eingesetzt werden. Diese benötigt jedoch zuerst den neuen Tram-Betriebshof an der Ständlerstraße. Erst die dortigen Werkstätten werden für diese XXL-Wagen ausgelegt sein.
Von links nach rechts: Joachim Schloz (SWM/MVG), Michael Frieß (SWM/MVG), Norbert Pietschner (Siemens), Albert Lippert (Technische Aufsichtsbehörde), Matthias Löser (SWM/MVG) und Christoph Klaes (Siemens) vor der Avenio-Doppeltraktion (Foto: SWM/MVG)

Gelenktriebwagen T1.6 Gelenktriebwagen T2.7 Gelenktriebwagen T3.7 Gelenktriebwagen T4.7
Nummer 2801-2808 2701II-2709 2751-2759 2501II-2504II
Fahrzeugart Vierteiliger Niederflur-Gelenk-Tw zweiteilige Niederflur-Gelenk-Tw dreiteilige Niederflur-Gelenk-Tw vierteilige Niederflur-Gelenk-Tw
Anzahl 8 9 9 4
Baujahr 2013-2014 2018 2018 2017
Motoren/Leistung 3 x 240 kW 3 x 240 kW
Geschwindigkeit max. 70 km/h max. 70 km/h
Länge 36,85 m 36,85 m
Achsfolge Bo'+2'+Bo'+Bo' Bo'+2'+Bo'+Bo'
Hersteller
Siemens
Elektrische Ausstattung
Siemens
Fahrgestell
Siemens
Kapazität 216 Plätze, davon 69 Sitzplätze 216 Plätze, davon 69 Sitzplätze
Bemerkungen 100% Niederflur, 8 Doppeltüren Die zwei- und dreiteiligen Züge sollen werktags zu 9 Doppeltraktionszügen mit insgesamt 260 Plätzen gekoppelt werden, mit ca. 48 Metern die längsten bisher in München eingesetzten Trambahnen.
II Nummern 2701-03 wurden bis 1997 für R1.1.-Prototypen verwendet.
100% Niederflur, 8 Doppeltüren; Ausstattung wie T1.6
II Nummern wurden bis 1997 für M5.65-Triebwagen verwendet.


Update: 02.04.2018